Wie kann das Schul- und Berufsbildungssystem in der Schweiz verbessert werden?
Die Schweiz verfügt über ein sehr gutes Bildungssystem. Dieser Umstand wird häufig wiederholt und gelobt, sei es in nationalen und internationalen Studien.
Sicher ist, dass das Duale Bildungssystem eine gute Grundlage für einen guten Bildungsstand bildet. Andererseits wird von Experten bemängelt, dass der Akademikeranteil in der Schweiz zu klein ist. Zu den 15% Jugendlichen, die die Matura absolvieren kommen noch 11% Berufsmaturitäten dazu und weitere 29%, die eine höhere Berufsbildung absolvieren. Das sieht vernünftig aus. Vor allem gibt es fast keine Jugendarbeitslosigkeit – im Unterschied zu Ländern mit höchsten Maturitätsabsolventen und PisaSpitzenreiter – , die Fachhochschüler sind in der Wirtschaft sehr willkommen. Es gibt zu wenig Ingenieure und Informatiker aber zu viele Geisteswissenschafter. Viele Firmen beklagen sich immer mehr, dass sie bei der Rekrutierung “Probleme” haben, weil die Schulabgänger die Anforderungen nicht erfüllen. Es sei vor allem auch ein Motivationsproblem bei den Jugendlichen. Weiter stellen wir fest, dass bei den Schulabgängern 17% unter “funktionalem Analphabetismus” leiden – also weder rechnen, schreiben noch lesen können. Ein weiteres Problem ist die Kompatibilität und die ungerechte Titeläquivalenz gegenüber dem Ausland. Wir müssen dem Erreichten Sorge tragen und das Bildungssystem kontinuierlich weiter entwickeln.
Zu denken gibt auch die Gewichtung der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technologie). Alle Lernenden in der Schweiz werden jährlich zu ca 1.5% mit diesen Fächern konfrontiert, obwohl es Ingenieurmangel gibt (neuster Zeit gibt es zwar wieder mehr Ingenieurstudenten). Die Lehrpläne an den Mittelschulen legen das Schwergewicht klar auf die Sprachen und die Lehrer und Schüler sind von der Art und Weise des Matheunterrichts frustriert. Das muss geändert werden.
Seit Jahren lesen wir davon, dass die Tagesstädten für Kinder nicht so zur Verfügung stehen, wie es sein sollte; zB eine einfache Organisation des Tagesablaufs, etc. Da tun sich viele Gemeinden schwer. Es ist weiter nicht verwunderlich, dass immer mehr Eltern – welche es sich leisten können – ihre Kinder in die Privatkindergärten und Tagesstädten geben, weil sie wissen, dass der Nachwuchs gut aufgehoben ist und gefördert wird. Wenn über 50% der Schüler in Therapie sind, dann ist etwas “faul im Staate”. Es stimmt doch nicht, dass die Kinder heute so anders sind, dass sie therapiert werden müssen. Es haben sich die Normen verändert, nach den entschieden wird, ob ein Kind in die Therapie soll oder nicht. Es ist immer weniger klar, was normal ist und was nicht.Was wird denn so therapiert? Psychomotorik, Rechenschwäche, Legasthenie, Ergotherapien, …..wenigstens sind die Therapeuten ausgelastet.
In der Szene der Fachkräfte geht man aktuell davon aus, dass 15 000 Ingenieure und MINT-Experten fehlen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technologie). Im Kanton Zürich geht man davon aus, dass bis in 6 Jahren 8 000 Informatiker fehlen. Insgesamt geht man für die Schweiz von 32 000 fehlenden IT-Spezialisten aus. Die Stadt Zürich will zu einer Informatikhochburg werden und “rüstet auf” – Imageförderung, Motivation der Firmen Lehrstellen zu schaffen, die Verbesserung der Lehrpersonen und die Unterstützung der Jugendlichen bei der Berufswahl stehen auf dem Programm.
Die öffentlichen Ausgaben für die tertiäre Ausbildung stagnieren seit 2004. Gleichzeitig hat die Zahl der Studierenden stark zugenommen. Es stehen also weniger Mittel zur Verfügung, was zu einem Verteilkampf führt. Das erklärt auch die teuren Marketingkampagnen von Hochschulen, verbunden mit einer Ausweitung des Angebots. Anders gesagt: es wird mehr auf Quantität als Qualität geachtet. Die Anzahl Studierender ist kein Wert an sich. Die Frage ist, ob die Absolventen richtig eingesetzt sind und wieviele das Studim abschliessen. Das ist ernüchternd. In der Schweiz brechen 30% das Studium ab und 20% sind nach Abschluss nicht adäquat beschäftigt. Die Hälfte kommt also nicht beim Ziel an. Die Qualität könnte mit einem sinnvollen Wettbewerb unter den Institutionen, mit einer nachlaufenden Studiengebühr und mit der Arbeitsmarktorientierung verbessert werden. Die Abgabe – Bundessteuer – richtet sich an der Anzahl absolvierter Semester aus. Zu lange studieren, was studiert werden soll, würde eingeschränkt. Wenn wir wissen, dass Absolventen eines Studiums rund 59% mehr verdienen als Absolventen einer Berufsausbildung, dann kann die Abgabe ohne weiteres verantwortet werden. Bei einem Einkommen von rund CHF 120 000.- wäre die Abgabe über die Bundessteuer ca CHF 4 580.-. Die Anbindung an einer Abgabe wäre ein Beitrag zur Steigerung der Qualität.
Die neusten Einsichten in die Pisaergebnisse der Schweiz sind vor allem für den Kanton Zürich ernüchternd. Die Schweiz liegt seit Jahren nur im oberen Drittel der Rangliste. Der Kanton Zürich ist – trotz oder wegen der vielen Reformen – sogar unter dem Schweizer Durchschnitt bzgl Lesen, Rechnen und Naturwissenschaften. Ein Fünftel der 9.Klässler ist nicht in der Lage, einfachste Texte zu verstehen oder einfache Rechenaufgaben zu lösen. Die Ausrede “der vielen Ausländer im Kanton Zürich” gilt auch nicht. Auch wenn die Ausländer rausgerechnet werden, bleibt nur Durchschnitt übrig. Wahrscheinlich fehlt es bei uns auch daran, besser werden zu müssen. Die Bildungsexperten beschäftigen sich mit der Definition von Standards und Messgrössen. Die Leistungen in den Klassen driften aber immer weiter auseinander. Das ist bedenklich. Trotzdem rühmen wir uns im Lande, dass wir ein herausragendes Schulsystem haben.
John Hattie hat 138 Einflussgrössen international bezüglich Lernerfolg untersucht. Zu den Negativfaktoren gehört der übertriebene Fernsehkonsum der Kinder – in der Schweiz liegt der Fernsehkonsum über alles bei rund 2,5 Stunden pro Tag – Die zentralen, positiven Faktoren sind die Lehrer, die Schüler und die Eltern. Die Schule als System schliesst schlecht ab. Es wird mit klaren Lernzielen mit methodischer Freiheit gearbeitet. Es ist weniger wichtig, welche Schule ein Schüler besucht. Gute Lehrer haben ein hervorragendes Fachwissen, welches sie methodisch geschickt umsetzen können. Die Eltern unterstützen die Kinder und leiten sie zum Lernen an. Uebung macht den Meister. Die Schule ist kein Wohlfühlinstitut, es müssen auch unangenehme Dinge gelernt werden, auch wenn die Anforderungen hoch sind. Es ist schon erstaunlich, dass zu viele Schüler nach 9 Jahren einfachste Dreisatzrechnungen nicht lösen können, trotz 1000 Stunden Rechnen mit Kosten von CHF 100 000.– (Eine Treppe hat 14 Stufen und eine Gesamthöhe von 252cm. Wie hoch ist jede Stufe?) Die Ausrichtung “Harmos” geht sicher in die richtige Richtung – die Politik ist einmal mehr zerstritten und kümmert sich lieber um den Sexualkundekoffer für den Kindergarten. Es braucht nicht so viele Reglementierungen für die Schulentwicklung, sondern Freude, Verantwortungsbereitschaft sowie klare Zielgrössen. Der aktuelle Aktionismus erreicht die Schule im Alltag nicht. Wenn das so weiter geht, dann geht es nicht so weiter….
“Du sollst in Gymnasium gehen” …. ist wiederum ein Satz der Eltern, den die Kinder hören. In der Schweiz haben wir einen Anteil von 20% Gymnasiasten. Der Zuwanderungsdruck schlägt sich auch bei den GymiKandidaten nieder. Die privaten Ausgaben für Privatschulen und Nachhilfestunden steigen jährlich. Es wird munter eingeübt, die Anforderungen und die Art der Prüfungen sind bekannt; eigentlich beste Voraussetzungen die Prüfung zu überstehen. Mehrere Tausend stellen sich der Aufnahmeprüfung und die Hälfte wird wiederum nicht bestehen. Für viele Eltern ein Albtraum, der so nicht berechtigt ist. Wie viele “Studierte” und in welchen Bereichen braucht das Land? Nicht unbedingt das, wonach die jungen Leute streben. Das Berufsbildungssystem bietet Durchlässigkeit und das duale System ist ein Erfolgsfaktor. Doch das Statusdenken, die fehlenden Informationen und die Erwartungen – die Jungen sollen mal mehr verdienen und einen besseren job haben – leiten viele Eltern fehl. Wenn wir den Erfolg am erarbeiteten Reichtum messen, dann sind unter den Millionären rund 20% Akademiker und 5% Doktoren. Viele machen ihren Weg in unterschiedlichsten Bereichen selber. Der reichste Schweizer – IKEA Besitzer – war einst Schreiner; ein Beispiel nebst vielen anderen…..also vom Statusdünkel loslassen und die Kinder lernen lassen, was sie begeistert. Der Erfolg wird nicht ausbleiben.